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Sich ‚befreunden‘ in einem Forum. Eine junge Französin. Sehe sie auf einem Foto ausgestreckt bzw. nur ihre bloßen Beine mit sonderbar roten Schuhen – auf einer ruppigen Stoppelwiese, die an einer graffitibemalten Mauer endet. Ich entschließe mich, mutiger als es der Situation entspricht, das Foto zu „liken“, und erwische den Button „love“. Ich möchte es rückgängig machen, es geht nicht. Ich recherchiere im Internet, wie man so etwas rückgängig macht, und als ich merke, dass ich mich nicht gut dabei fühle, lass ich’s. Ich halte grundsätzlich nichts von „rückgängig machen“. Nichts im Leben lässt sich rückgängig machen. Auch nicht der Versuch, etwas rückgängig machen zu wollen. Wie verarbeitet das nun mein Kopf? Ich weiß ja, dass er ausgreifend ist. So liebe ich für ein paar Momente – durch dies „love“ – alles auf der Welt gleichermaßen und bin völlig ‚kaleidoskopisch übersteuert‘ und finde das „nicht schlecht“. Ein homogener Liebesraum. Der Baum vorm Fenster hatte sich völlig verändert. Warum diktierte Scham – oder wer oder was? – eigentlich gleich, „wegmachen“? Warum nicht einer unbekannten jungen Französin, ihren unbedeckten Beinen und sonderbar roten Schuhen ein „love“ ..? Ich schaue mir nun ihre Fotos an, was ich sonst nicht getan hätte, sehr schön, da geht sie auf Schienen, eine kleine Person mit langem wuscheligem schwarzem Haar; in ihrem Alter ging ich, von der Bedrückung dabei abgesehen, gern auf Schienen, manchmal lange auf meinen Reisen durch Europa. Als sie sich von vorn zeigt, sehe ich, wie angenehm sie aussieht. Das „love“ wird sie sich vermutlich merken, während sie ein „like“ gleich vergessen hätte, falls nicht alle Emoticons in ihrem Kopfe bereits verwaschen. Ich stoße nun auf Musik – „SoundCloud“ –, die sie macht, oh, das ist aber sehr sehnsüchtig und poppig, das kann ich, so wie‘s gemacht, nicht recht ernst nehmen. Da ist auch eine Galerie, sie macht Fotos und verkauft sie, weit gereist, sicher macht es Eindruck, wenn man vor so etwas steht, aber so viele Fotos dieser Art gibt es bereits. Eine junge Frau, die auf Schienen geht. Nun aus ihrem ‚bisschen Talent‘ auch etwas Geld zu machen sucht, weil man doch Geld baucht. Da ist auch ihr Freund, ah, sie hängt sich aber sehr Schutz-bedürftig hinein. Ist sie beruflich vielleicht bald „voll integriert“, wie so gesagt wird, Lehrerin oder „Artist“, vermittelbar durch eine Agentur – so oder so wird Solches wie das Foto mit den jugendlichen Beinen und sonderbar roten Schuhen später wohl zu den Spuren zu sich selbst gehören, die sie wieder aufnimmt, und möglicherweise wird sie denken, zu dem Zeitpunkt meines Lebens ist noch ‚alles möglich gewesen‘, als sei das so.