»Ich hatte also meine Emotionen nicht im Griff«, sagte Marcel, »wie landläufig gesagt wird.

Es ist nicht nur die landläufige Sprache«, so fuhr er fort, »die mich immer auch stört. Das weit Schlimmere sind landläufige Schlussfolgerungen, wenn sie nicht zutreffen. Und sie treffen häufig nicht zu. An diesen Stellen wird die Grobheit, die (nicht nur) dem Landläufigen zu eigen ist, zu etwas maximal Gefährlichem. Da können, ›wenn es die Runde macht‹, Menschen – z. B. per Gerücht – in kurzer Zeit aus dem sozialen Korpus gesprengt werden.

Aber das wollte ich überhaupt nicht sagen. Ich konnte also in Situationen, in denen das nötig ist, immer mal wieder mit starken, sich aufregenden Emotionen nicht umgehen.

Was mich einmal kränkte«, so Marcel, »war, zu hören, dass es sich dabei ›um eine Charakter-Eigenschaft handele‹. Und somit ›nicht veränderbar‹ sei. Mit dieser Auffassung wäre man dann in einer festgezurrten ›Schublade‹. Und sicher hinge es noch davon ab, wie ›Charakter‹ definiert würde. Aber die Rede von ›nicht veränderbar‹ hat mich seither beschäftigt.

Was die Emotionen betrifft, so ist der Umgang mit ihnen veränderbar.

Daran ändert auch nichts, dass ich jenes Verhalten schon in der Kindheit zeigte. Und immer mal wieder. Schon in der Grundschule auf dem Sportplatz musste man mir offenbar sagen ›Marcel, sieh doch mal, die Welt ist nicht immer so, wie du es möchtest‹. Also doch ›nicht veränderbar‹?

Über sehr lange Zeiträume zeigte ich solches Verhalten nicht.

Ich muss mich aber offenbar immer wieder darum bemühen, andere und mich selbst mit Emotionen nicht zu schädigen.

 

Folgende Vorgehensweise hilft:

 

Ich muss die Momente, in denen eine starke Emotion durchbrechen will und etwas kaputtzumachen droht, durchstehen.

Ich darf nicht auf sie anspringen.

Schaffe ich das, verflüchtigt sich die Emotion bald. Und kommt entschärft wieder auf. Denn die explodierende Emotion lebt geradezu ausschließlich von der Aufgeregtheit des Moments.  

Und hat oft nichts zu tun mit tieferliegenden Gefühlen.

 

Emotionen, die von mir ausgingen und Schaden anrichteten, haben mich ausnahmslos selbst bestürzt. Und es hat mir mehr als leidgetan, was sie beim andern anrichteten.

 

Hilfreich zu wissen ist auch: Eine explosive Emotion entstand immer dann, wenn mein Feingefühl verletzt wurde.

 

Es handelt sich also nicht um eine nur naturbedingte Reaktion.

 

Und ganz sicher ist es so, dass mein Feingefühl so weit entwickelt wurde, dass ich zuweilen aufzupassen habe, ›nicht zu sehr den Maßstab des Horizonts in mir anzulegen‹. Das wird auch unter dem Thema ›Hochsensibilität‹ verhandelt. 

 

Doch: Emotionen, die zur Explosion neigen, sind keine Charakter-Eigenschaft.

 

Es gehört indessen zu meiner Art«, sagte Marcel, »so vieles, im Grunde alles ganz nah an mich ranzulassen. Diese Nähe zu mir selbst habe ich mir – auch – erschlossen und gehört zur Qualität des Selbstzugangs.

 

Es gehört aber unbedingt dazu, sich damit gut zu organisieren. Heißt?

 

Genügend Distanz- und Schutzräume bereitzustellen. Denn wer intensiv lebt, muss sich rechtzeitig wirksam abgrenzen können, damit es – eben nicht zu viel wird.

 

Könnte etwas hilfreich sein, wenn eine explosive Emotion sich bildet?

 

Beziehungsweise: Bevor es zum Ausbruch kommt, bildet sich so etwas wie eine Verstörung heran oder wie man es auch nennen möchte – eine Diskrepanz zwischen Feingefühl und Re-Aktion –, das müssen keine großen Sachen.

 

Wenn diesem Gefühl Raum gegeben wird, nur irgendwie tragend darauf reagiert wird, ist ganz viel gewonnen.

 

Und da dies offenbar viel verlangt ist«, sagte er, »muss ich dies selbst tun. Ich muss mir selbst diesen tragenden Raum geben, um mich vor mir selbst sowie den andern zu schützen. Präziser: Ich muss mir die Emotion in Ruhe ansehen und, wie erwähnt, sie durchstehen, damit sie nicht, wie mit einem Sprengkopf bestückt, zum Ausbruch kommt.

 

An andrer Stelle, etwa wenn ich allein bin oder in einem geeigneten Raum dafür, kann ich der Emotion ja ihren Ausdruck geben.   

 

Aber ist es nicht doch so, wie auch zu hören war, dass – bei solchen ›Verstörungen‹ mit möglichem Ausbruch – ein Schalter umgelegt wird?

 

Hier wären wir wieder in gefährlicher Nähe des Landläufigen. Aber auch des Neuropsychologischen.

 

Das Dinghafte eines ›Schalters‹ deutet auf mechanische Prozesse. Deutet wiederum auf ›schwer veränderbar‹ oder ›nicht veränderbar‹.

 

Dagegen spricht ›Bewusstsein‹. Mit Achtsamkeit und Bewusstsein lassen sich solche Prozesse aushebeln und vermeiden.

 

Und das betrifft auch den andern. Denn: Ich bzw. jeder bildet nicht einfach ›Verstörungen‹. Sie stehen in einer Wechselwirkung – auch wenn dies gegebenenfalls schwer erkennbar ist – innerhalb von sozialen Prozessen. Auch dann, wenn sie dispositionell vorgeprägt sind.

 

Und so kam mir auch in den Sinn«, sagte Marcel abschließend dazu, »was ein Gegenteil ist von ›landläufigen Schlussfolgerungen‹ – vor allem dann, wenn sie mit kollektiven Energien aufgeladen werden.   

 

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